Gedanken zu Deuteronomium 15,11


Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden. Darum mache ich dir zu Pflicht: Du sollst deinem Not leidenden und armen Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen. Deuteronomium 15,11

Eine Frau greift in einen orangefarbenen Abfallbehälter, wie sie überall in Berlin zu finden sind. Sie sucht nach etwas Essbarem oder Pfandflaschen. »Die Not daheim« – lautet die Überschrift des Zeitungsartikels mit dem Foto von dieser Frau. Menschen, die Abfallkörbe durchsuchen, sind in unserer Stadt nicht zu übersehen. Sie begegnen uns überall in Berlin, am Alexanderplatz, auf dem Kurfürstendamm, in Köpenick. Armut definiert sich längst nicht mehr nur über Unterernährung, Hunger und dem Kampf um das tägliche Überleben. In Armut leben Menschen, die in unserer Welt nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, denen jegliche Anerkennung fehlt und die von uns gelegentlich verachtet werden, weil sie mit ihren Hunden auf der Straße sitzen, weil sie unangenehm riechen, weil sie betteln.
»Die Armen werden niemals ganz aus deinem Land verschwinden.« prophezeit das Deuteronomium (5. Mose). Was hier vor etwa 2700 Jahren in der Bibel aufgeschrieben wurde könnte gut eine Schlagzeile aus der Tageszeitung von heute sein. Und während wir in unserer Welt zuerst nach einer Definition suchen, die versucht zu klären, was denn nun wirkliche Armut bedeutet, während wir beginnen abzuwägen und danach fragen, wie wir sinnvoll helfen können, hält die Bibel ein einfaches Programm bereit: »Du sollst deinem Not leidenden Bruder, der in deinem Land lebt, deine Hand öffnen.«
Ja, wir öffnen unsere Hände, wenn wir Geld für die Berliner Tafel oder anderen Einrichtungen für Obdachlose geben. Solche Hilfe wird auch in Zukunft wichtig bleiben. Darüber hinaus wird es noch viel wichtiger werden, Menschen über alle Grenzen hinweg von unserem Überfluss abzugeben und zu unterstützen, denn inzwischen leben über eine Milliarde Menschen in extremer Armut.
Wenn die Bibel davon spricht, für die »Armen im eigenen Land« die Hand zu öffnen, dann gehört dazu noch mehr, als dass ein Armer für einen Tag eine Mahlzeit bekommt. Hier träumen Menschen, die sich unter dem Schutz Gottes verstehen von einer gelingenden Gemeinschaft, in der sich Reiche und Arme auf Augenhöhe begegnen. Solch ein umfassendes biblisches Hilfsprogramm fordert uns heraus mit unserer Fantasie darüber nachzudenken, wie ein partnerschaftliches Miteinander zwischen Reichen und Armen aussehen kann. Was müssten wir alles tun, um den Armen in unserer Stadt, in unserem Land auf Augenhöhe zu begegnen?
Ich glaube da, wo wir bereit sind eigene Gewohnheiten und Überzeugungen in Frage zu stellen, wo wir uns ganz auf Menschen einlassen, die aus einem anderen sozialen Umfeld kommen und wahrscheinlich auch andere Vorstellungen vom Leben haben, kann eine wirkliche Begegnung stattfinden. In diesem konkreten Beispiel eine wirkliche Begegnung zwischen Armen und Reichen.  
Der Monatsspruch lädt ein, diesen wunderbaren Traum weiter zu träumen. Er beginnt mit dem Bild von der geöffneten Hand. Wer seine Hand einem anderen hinhält und ihm zu verstehen gibt, dass er nicht nur helfen möchte, sondern bereit ist, ihm zuzuhören und versucht seine Situation zu verstehen, arbeitet mit daran, dass dieser Traum wirklich wird. Und Dom Helder Camara sagt: »Wenn einer allein träumt, dann ist das nur ein schöner Traum, aber wenn viele träumen, dann ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit, in denen unsere Taten und Ideen zu Hause sind.«

Pfarrerin Susanne Graap


© Fotos: ortszeitmediale.de


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Gedanken zur Jahreslosung 2010


Jesus Christus spricht:
Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Joh. 14,1
Abb. oben links: Kanon von Lothar Graap, der die Jahreslosung in jedem Jahr vertont


In diesem Jahr begehen wir den 450. Todestag des Reformators Philipp Melanchthon. Der enge Mitarbeiter Martin Luthers erklärte dem katholischen Kaiser Karl V. auf dem Reichstag in Augsburg den neuen evangelischen Glauben. In dem so genannten Augsburgischen Bekenntnis von 1530 legt er dar, was die evangelische Predigt bewirken und leisten soll: Die Predigt hat die Hörer zu lehren und die erschrockenen Gewissen zu trösten, schreibt Melanchthon.
Das gilt bis heute. Anfang Januar predigte der ehemalige Generalsuperintendent Martin Michael Passauer über die Jahreslosung. Mit seiner Ansprache hat er die beiden Forderungen Melanchthons erfüllt. So machte er deutlich, dass die Jahreslosung die Aufmerksamkeit auf unser wichtigstes Organ lenkt:  Das Herz. Unser Herz nimmt Schaden, wenn Ängste und Sorgen uns bedrücken. Unser Herz, das für uns selbst steht, mit unseren Wünschen und Empfindungen.
Besonders am Herzen leiden viele Menschen; Kreislauferkrankungen sind keine Seltenheit, auch nicht in der Kirche. Die Anforderungen der Arbeitswelt und auch die Forderungen, die wir an uns selbst stellen, lassen unser Herz schneller schlagen, als uns gut tut. Euer Herz erschrecke nicht! So sagt uns die Losung an der Schwelle des neuen Jahres. Pass auf, dass Du Dich nicht hetzen lässt! Pass auf, dass Du Dich nicht überforderst! Pass auf, dass Du Dir nicht die schönen Dinge im Leben entgehen lässt – vor lauter Hektik! Dein Herz erschrecke nicht. Pass auf, auf Dein Herz!
Aber wie kann das gehen? Wie sollen wir uns plötzlich den Anforderungen unserer Arbeit entziehen? Wie sollen wir plötzlich anders mit uns umgehen? In der Jahreslosung sagt Jesus: Glaubt an Gott! Das tun wir; beinahe jeder auf irgendeine Weise. Aber der zweite Hinweis Jesu, glaubt an mich, macht es konkret: In Jesus offenbart uns Gott sich selbst. In ihm wird Gott eindeutig, erkennbar in den Worten und Taten. Und schon in den Worten Jesu unserer Jahreslosung begegnet uns Gott in einer zugewandten, schützenden Weise. Der Schutz Gottes liegt in dem neuen Umgang, den er uns eröffnet: In der Liebe ist keine Furcht, die Liebe treibt die Furcht aus. Nehmen wir Gottes Liebe an, das nimmt die Furcht und macht unser Herz ruhig!
Was könnten wir besseres für unser Herz, für uns selbst tun? Dass wir dem neuen Jahr und allem, was da kommen mag, ohne Furcht entgegensehen, das lässt unser Herz ruhiger schlagen.  
                    
Pfarrer Ulrich Kastner | in Weinstock 13/2010

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