Zeit-Fenster Nummer 11: Über die Lehrerin Alice Leske


„Reichskristallnacht“: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland Synagogen, wurden Einrichtungen, Geschäfte und Wohnungen jüdischer Menschen überfallen, zerstört und ausgeplündert, zehntausende Juden und Jüdinnen verhaftet, verschleppt, deportiert oder getötet.

Zum 70. Mal jährt sich nun dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte. 

Am Beispiel der jüdischen Lehrerin Alice Leske, die zu dieser Zeit in Berlin-Friedrichshagen lebte und arbeitete, möchten wir in diesem ZeitFenster der über 50 jüdischen Mitmenschen gedenken, die aus Friedrichshagen während der Zeit der Nationalsozialisten deportiert und in den Tod getrieben wurden.

Weitere Schicksale jüdischer Nachbarn werden wir hier vorstellen.

Gibt es jedoch noch Zeitzeugen, die uns ihre Erinnerungen überlassen möchten, treten wir gern in Kontakt zu Ihnen. Bitte wenden Sie sich an die Redaktion des Friedrichshagener-Schirm!

 

Alice Leske – Lehrerin aus Friedrichshagen. Ein Porträt von Heidi Ehwald.

 

Im Taufbuch der St. Elisabeth-Gemeinde in Berlin-Mitte, erscheinen unter dem 29.9.1891 die Namen Senta, Alice und Ilse Leske. Die Eltern Pinkus und Maria Leske, beide mosaischen Glaubens, ließen ihre Töchter in der St. Elisabeth-Kirche an der Invalidenstraße taufen. Sie vermieden, ihren genauen Wohnort anzugeben; nur Weidmannslust steht unter der Rubrik Wohnort.

Gerd Lüdersdorf erwähnt in dem Band „Juden in Köpenick“ außerdem den Namen der Halbschwester Clara.

Senta, Alice und Ilse entstammten der  zweiten Ehe des Pinkus Leske. Als Buchhalter wollte er seinen Töchtern eine gute Ausbildung  ermöglichen. Deshalb zog er mit der Familie von dem unbedeutenden Vorort Weidmannslust ans Hallische Tor, wo die Mädchen eine gute Schule besuchen konnten.

Er selbst blieb bis zu seinem Lebensende Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Den Töchtern sollte es an nichts fehlen; mit der Taufe war ihnen die Möglichkeit gegeben, später Anschluss an eine christliche Gemeinde zu finden und so eher Anerkennung in der Gesellschaft zu bekommen.

Frau Ursula C., die heute in Friedrichshagen lebt und die Adoptivtochter der Senta Leske wurde, berichtete, dass die Schwester Ilse bereits in jungen Jahren an einer Krankheit verstorben ist. Senta und Alice durchliefen nach dem Schulabschluss eine Lehrerinnenausbildung. Wo Alice ein Lehrerinnenseminar besuchte, bleibt unklar; von Senta wissen wir, dass sie in der Schwedter Straße (Berlin-Prenzlauer Berg) studiert hat.

Beide begannen, Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrem Beruf zu arbeiten. 1921 heiratete Senta einen Professor für Fischereiwirtschaft und Wasserchemie in Friedrichshagen; sie musste wegen der Heirat, gemäß den Umständen jener Zeit, ihren Beruf aufgeben.

 

Alice hingegen blieb unverheiratet. Eine erhalten gebliebene Personalkarte sagt aus, dass sie in den Volksschuldienst endgültig 1906 angestellt wurde. Hinter der Rubrik Religionsbekenntnis finden wir: Diss. (Dissidentin).  Eine Bindung zur Evangelischen Kirche hatte sie wohl nie gefunden. Nach Auskunft der Lehrerverzeichnisse der Provinz Brandenburg arbeitete Alice zwischen 1912 und 1914 zunächst in Kaulsdorf. Das Verzeichnis von 1919 erwähnt sie als Lehrerin in der 2.Volksschule für Mädchen, Friedrichshagen, Wilhelmstr. 44/45, heute Peter-Hille-Straße. Zu jener Zeit wird sie mit ihrem Vater - die Mutter war bereits 1917 verstorben - eine Wohnung in der Seestr. 100 in Friedrichshagen bezogen haben.

In der neuen erst 1896 gebauten und großzügig ausgestatteten Schule begleitete sie  viele Kinder  von der 1. bis zur 8. Klasse. Unter der Leitung des geachteten Rektors Meyer und zusammen mit den Kolleginnen Eichberg, Hoffmann, Pick, Scheller, Spitz, Mantel sowie den männlichen Lehrkräften Bugay, Hartmann, Ritter, Rode, Söhring und Sperling wurden die Friedrichshagener Mädchen unterrichtet.

Auf einen Artikel mit der Überschrift: “Wer kannte die Lehrerin Alice Leske?“, der in dem Friedrichshagener Werbe- und Infoblatt „Friedrichshagen konkret“ im August 2007 erschien, meldeten sich 3 ehemalige Schülerinnen. Sie erinnerten sich an Alice Leske mit folgenden Worten: freundlich, warm, beinahe mütterlich, weniger streng als andere Lehrerinnen, fantastisch, sehr geliebt. Frau Erika B. berichtete, wie betrübt und verzweifelt die Mädchen der 4. Klasse waren, als ihre geliebte Lehrerin nach den Osterferien 1935 nicht mehr  in die Schule kam. Sie konnten es nicht fassen, dass sich Frl. Leske nicht einmal verabschiedet hatte. Da Erikas Jammern nicht aufhören wollte, nahm der Vater sie eines Tages beiseite und erklärte ihr, dass politische Gründe vorgelegen haben. Weil Frl. Leske Jüdin ist, hätte sie gehen müssen. Der Vater erlaubte Erika, dass sie diese Nachrichten ihren Klassenkameradinnen mitteilen durfte.

Die Stelle von Frl. Leske übernahm ein für die Mädchen wenig sympathischer, fanatischer Nationalsozialist, ein Herr Kalk, der den Rohrstock als pädagogisches  Instrument wieder einführte.

In dem Band „Köpenicker Schulgeschichte von den Anfängen bis zum Ende der DDR“ bestätigen die Autoren: “Nach der Machtergreifung leitete das nationalsozialistische Regime ohne zu zögern Maßnahmen ein, die das Schulwesen aller Demokratie beraubten. Am 14.3.1933 wird die Prügelstrafe wieder eingeführt, nachdem sie in Berlin 1929 abgeschafft worden war.“

Nicht nur mussten die Mädchen hier und da den Rohrstock ertragen; sie beobachteten, wie der Lehrer größere Mädchen sexuell belästigte; aber niemand getraute sich, ihn anzuzeigen.

Nie mehr wieder hat Frau Erika B. Frl. Leske gesehen. Frau Erika B. hat uns freundlicherweise zwei Fotos überlassen. Auf dem einen ist ihre 1. Klasse von 1930 zusammen mit Frl. Leske zu sehen, auf dem anderen dieselbe Mädchenschar in der 3. Klasse mit der Lehrerin. Auf den Fotos ist zu erkennen, dass Alice Leske recht klein und untersetzt von Gestalt war; so haben die ehemaligen Schülerinnen sie auch beschrieben. Zwei Schülerinnen berichteten, dass Alice Leske neben den üblichen Fächern Rechnen, Schreiben, Lesen, Handarbeit und Heimatkunde auch das Fach  „Lebenskunde“ gegeben habe. Dieses Fach wurde eigentlich in den freireligiösen Schulen oder in den Gemeinschaftsschulen (Reformschulen) in der Zeit der Weimarer Republik gelehrt, da dort der Religionsunterricht wegfiel. Die 2. Grundschule in Friedrichshagen war eine reguläre Mädchenschule, die, wenn sie solch ein Fach eingerichtet hatte, eine besondere liberale Gesinnung auswies. Die beiden ehemaligen Schülerinnen wussten, dass nur solche Mädchen an diesem Unterricht teilnahmen, die weder katholischen noch evangelischen Religionsunterricht erhielten.

Die Vermögenserklärung, die Alice Leske 1941 ausfüllen musste, gibt Zeugnis davon, dass sie zuletzt zwischen Ostern 1935 und Januar 1936 in einem Arbeitsverhältnis stand. Auch das Lehrerverzeichnis von 1935, „Die Erzieher Groß-Berlins“, Verlag der Nationalsozialistischen Erziehung, verzeichnete Alice Leske noch als Lehrerin.

Möglicherweise durfte sie noch eine kurze Zeit in einer anderen, vielleicht privaten Schule, entfernt von Friedrichshagen arbeiten. Danach gibt es keine überlieferten Dokumente über ihr Leben in Berlin. Einzig Frau Ursula C., die 1940 in Pflege genommen wurde, kann sich an die Schwestern Senta und Alice erinnern, die gekommen waren, um sie als zukünftiges Pflegekind zu begutachten. Frau Ursula C. hat auch Erinnerungen an Besuche in der Wohnung Alices, die einen kleinen Balkon gehabt haben soll. Die letzte Adresse, Bruno-Wille-Str. 108, lag an der Ecke zur Seestraße 100 (heute Müggelseestraße). Sicher war der Blick von den oberen Stockwerken zum nahen Müggelsee sehr schön.

Am 13. Januar 1942 begleitete die Familie zusammen mit der 6jährigen Pflegetochter Ursula, Alice Leske zum Bahnhof; man half ihr beim Gepäck tragen. Zunächst hofften alle auf ein Wiedersehen, da doch zweimal Post aus Riga eintraf.

Doch Riga war nicht die letzte Station auf ihrem Leidensweg.

Bis vor zwei Jahren waren die Todesdaten nicht bekannt. Erst das in Koblenz 2006 neu erschiene Gedenkbuch berichtet davon, dass Alice Leske 

am 9. August  1944 von Riga  in das östlich  von Danzig gelegene KZ Stutthof verschleppt wurde. Diese KZ war das älteste auf polnischem Gebiet, eigentlich ein Durchgangs- und Arbeitserziehungslager, mit zahlreichen Außenstellen. Im Laufe des Jahres 1944 musste Ostpreußen aufgegeben werden, die Rote Armee drang unaufhaltsam vorwärts.

Es wird berichtet, dass im KZ Stutthof zu dieser Zeit zahlreiche Menschentransporte, zumeist Juden aus dem aufgegebenen Baltikum oder südöstlichen Ländern, eintrafen und dass die schrecklichsten hygienischen Zustände, Chaos und Desorganisation um sich griffen. Ein großes Sterben breitete sich aus.

Alice Leske lebte dort nur noch knapp fünf Monate. Ob sie durch die vielen  Entbehrungen, eine Krankheit oder durch einen gewaltsamen Tod ums Leben kam, wir wissen es nicht.

Am 28. 12 1944 ist sie im Alter von 60 Jahren in Stutthof gestorben.

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Wir danken der Autorin Heidi Ehwald für die Abdruckgenehmigung der gekürzten Version eines Beitrages für den Arbeitskreis "Christen jüdischer Herkunft" bei der Berlin-Brandenburgischen Kirche/ Schlesische Oberlausitz. Er erschien in:„Evangelische getauft als Juden verfolgt“. Spurensuche Berliner Kirchengemeinden.(Hrsg. Frisius, Kälberer, Krogel, Lachenicht, Lemmel) Evangelisches Landeskirchliches Archiv, 2008.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls 2009 in der Reihe "Friedrichshagener Hefte" - Erinnerungen an Friedrichshagen.

 

 

Quellenmaterial:

Lüdersdorf, G., Juden in Köpenick, Edition Roots, Konziele, 1999. Clara Leske, 1874 in Stargard geb., wohnte auch in Friedrichshagen, sie  wurde 1942 nach Travniki deportiert und ist dort umgekommen.

Slg. d. Gutachterstelle d. Berliner Instituts für Lehrer-Fort-und Weiterbildung in d. Bibliothek für Bildungsgesch. Forschung Berlin, 1906.

Blauert, Julius(Hrsg.): Lehrerverzeichnis-Provinz Brandenburg, 1919, 9. Jg.

Ramminger/Lode, 1994.

Jäger-Dabek, Brigitte, im internet: shoah.de-KZStutthof 2005.

Fotos von Frau Buchholz-Friedrichshagen